Mental Health in der Wirtschaft: Warum mentale Gesundheit in Unternehmen zunehmend an Bedeutung gewinnt?

Die Arbeitswelt unterliegt einem fortlaufenden Wandel – aktuell entwickelt sich diese zu einem digitaleren, agileren, aber auch flexibleren Arbeiten. Doch die stärkere Vernetzung und Verdichtung der Arbeit, die ständige Erreichbarkeit und Informationsflut sowie die flexibleren und agileren Arbeitsmodelle haben nicht nur positive Auswirkungen auf Unternehmen und ihre Mitarbeiter.

Immer mehr Mitarbeiter sehen sich durch das erhöhte Arbeitstempo und die zunehmende Komplexität einem immer größer werdenden Stresslevel und Leistungsdruck ausgesetzt. Höher, schneller, weiter. Nach dem Motto rennen viele im bekannten Hamsterrad, um die ständig steigenden Anforderungen im beruflichen und privaten Bereich zu erfüllen. Sie versuchen zu funktionieren und leiden dadurch zunehmend unter chronischem Stress, Überforderung und Erschöpfung.

Diese Entwicklung zeigt sich auch in den steigenden krankheitsbedingten Fehltagen der Erwerbstätigen in den letzten Jahren. Im Jahr 2020 lag die Zahl bei 18,2 Fehltagen nach dem BKK Gesundheitsreport 2021 (2015: 15,4 Fehltage). Dabei sind psychische Erkrankungen mit 17,5 % aller Fehltage (2015: 15,1%) die zweithäufigste Ursache neben Muskel-Skelett-Erkrankungen (24,7% in 2015 und 24,6 % in 2020) und Atemwegserkrankungen (16,7% in 2015 und 14,0% in 2020).

Den Unternehmen entstehen durch diese Fehlzeiten und Ausfälle erhebliche Kosten. Aber auch Mitarbeiter, die krank zur Arbeit kommen, unkonzentriert sind und so nicht dieselbe Arbeitsqualität erbringen, wirken sich negativ auf den Erfolg der Unternehmen aus.

Die Corona-Pandemie hat die Entwicklung noch weiter verstärkt. Mit der fortwährenden Dauer der Pandemie hat sich das körperliche und psychische Belastungsempfinden gemäß BKK Gesundheitsreport 2021 sukzessive verschlechtert. Unter anderem beeinflussen die gefühlte Isolation und Unsicherheit im Homeoffice auch die körperliche und psychische Gesundheit.

Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, was Unternehmen und Mitarbeiter tun können, um ihre mentale Gesundheit langfristig zu stärken? Wie können Mitarbeiter kraftvoll und flexibel den Veränderungen in der agilen Arbeitswelt begegnen? Wie können Unternehmen ihre Mitarbeiter unterstützen, besser mit dem täglichen Stress umgehen?

Mental Health: Was versteht man darunter eigentlich?

Die Weltgesundheitsorganisation (“WHO”) definiert mentale Gesundheit als

ein Zustand des Wohlbefindens, in dem ein Mensch seine Fähigkeiten ausschöpfen, die normalen Lebensbelastungen bewältigen sowie produktiv arbeiten kann und im Stande ist, etwas zu seiner Gemeinschaft beizutragen."

Mentale Gesundheit bedeutet somit nicht nur die Abwesenheit von psychischen Erkrankungen und Störungen, sondern vielmehr das ganzheitliche Wohlergehen. Denn unser mentales Wohlbefinden beeinflusst nicht nur unsere körperliche Gesundheit und Leistungsfähigkeit, sondern auch unsere Emotionen und unsere gefühlte Lebensqualität.

Ohne mentale Gesundheit können wir langfristig nicht motiviert und leistungsfähig sein und unsere beruflichen und privaten Ziele erreichen. Mentale Stärke macht uns robuster und widerstandsfähiger. Sie ermöglicht uns, gestärkt aus Krisensituationen herauszugehen sowie Probleme konstruktiver anzugehen und Konflikte besser zu bewältigen. Wir können flexibler mit Veränderungen und Stress umgehen und souveräner Entscheidungen treffen.

Mentale Gesundheit ist somit die Basis für ein erfolgreiches, glückliches und gesundes Leben. Ein Leben in Balance, in dem sich Erfolg und Lebensqualität nicht ausschließt.

Mental Health als Gamechanger für Unternehmen

Im Leistungssport ist die Stärkung der mentalen Gesundheit bereits seit Jahren ein fester Bestandteil der Wettkampfvorbereitung. Durch regelmäßige mentale Trainings wird der Fokus auf die innere mentale Stärke der Leistungssportler gelegt. Sie ermöglicht es erfolgreichen Sportlern mit Druck besser umzugehen und ihr volles Leistungspotenzial auch in Stresssituationen abzurufen.

Trotz der Parallelen zum stetig steigenden Leistungsdenken in der Wirtschaft, hatte mentale Gesundheit bislang keinen großen Stellenwert in Unternehmen. Doch nicht zuletzt durch die Corona-Pandemie hat sich das Bewusstsein für die Bedeutung der Gesundheit im Allgemeinen und insbesondere der mentalen Gesundheit erhöht. Nach dem aktuellen CEO Survey 2022  der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PwC, die jedes Jahr weltweit durchgeführt wird, bereiten den CEOs Gesundheitsrisiken wie u. a. Pandemien wie COVID-19, chronische Krankheiten oder Beeinträchtigungen der mentalen Gesundheit mit rd. 48 % am zweithäufigsten Sorgen neben Cyberrisiken (rd. 49 %) und Bedrohungen durch den Klimawandel (rd. 32 %). In Deutschland und in Österreich sind es rd. 31 % bzw. 38 %.

Die Bedeutung von mentaler Gesundheit ist damit auch in der Unternehmenswelt endlich angekommen. Immer mehr Unternehmen beschäftigen sich damit, wie sie präventiv die mentale Gesundheit ihrer Mitarbeiter stärken und damit die Produktivität und Leistungsfähigkeit nachhaltig erhalten können. Denn es ist offenkundig, dass nur mit gesunden und resilienten Mitarbeitern der Gesamterfolg des Unternehmens nachhaltig erreicht werden kann.

In den meisten Unternehmen passen jedoch Erschöpfung und psychische Erkrankungen einfach nicht ins Bild einer Hochleistungskultur. Vielmehr gilt Erschöpfung als Zeichen der Schwäche und ist zusammen mit psychischen Erkrankungen ein absolutes Tabuthema. Viel zu groß ist vor allem bei Führungskräften die Angst, als „nicht belastbar“ oder Low Performer abgestempelt zu werden und damit gegebenenfalls der eigenen Karriere frühzeitig ein Ende zu setzen.

Umso wichtiger ist, dass Unternehmen mit gezielten Maßnahmen Aufklärungsarbeit leisten, ein stärkeres Bewusstsein für die Themen schaffen und eine gesundheitsfördernde Unternehmens- und Führungskultur etablieren.

Die folgenden Maßnahmen können unterstützen, die Gesundheit von Führungskräften und Mitarbeitern in Unternehmen nachhaltig zu stärken.

Ein betriebliches Gesundheitsmanagement etablieren

Unternehmen haben gegenüber ihren Mitarbeiter eine Fürsorgepflicht, die auch im Gesetz verankert ist. Es liegt somit in der Verantwortung von Unternehmen, für den Erhalt bzw. die Verbesserung der Gesundheit ihrer Führungskräfte und Mitarbeiter zu sorgen. Durch ein betriebliches Gesundheitsmanagement sollen die dafür nötigen Rahmenbedingungen und Strukturen geschaffen sowie das Arbeitsklima verbessert werden.

Mit den Maßnahmen wird dabei das ganzheitliche Ziel verfolgt, die gesundheitsrelevanten Belastungen der Mitarbeiter zu reduzieren, die individuellen Ressourcen zu stärken und damit die Gesundheit, Motivation und Leistungsfähigkeit nachhaltig zu fördern. Neben dem Arbeits- und Gesundheitsschutz und dem Eingliederungsmanagement ist die betriebliche Gesundheitsförderung ein wesentlicher Bestandteil, der Unternehmen vielfältige Gestaltungsmöglichkeiten bietet.

Vielfach konzentrieren sich die betrieblichen Angebote aber bislang hauptsächlich auf die Bereiche Bewegung, gesunde Ernährung und Entspannung. Ergänzend sollte das betriebliche Angebot um Maßnahmen zur Stärkung der mentalen Gesundheit der Führungskräfte und Mitarbeiter erweitert werden. Um einen möglichst hohen Nutzen zu erzielen, kann es sich lohnen, ihre Mitarbeiter in den Prozess einzubeziehen.

Bewusstsein für das Thema schaffen

Obwohl viele Führungskräfte und Mitarbeiter spüren, dass ihre Kraft zunehmend schwindet, wissen sie häufig nicht, was sie selbst aktiv ändern können. Häufig fehlt ihnen hierzu das entsprechende Wissen und Handwerkszeug, um ihre eigene innere Haltung zu vielen Themen zu ändern und für sich selbst wirksame Arbeits- und Lebensstrategien zu entwickeln, die sich positiv auf ihre Gesundheit und Motivation auswirkt.

Mit gezielten Qualifizierungen können die Mitarbeiter bestmöglich von Unternehmen unterstützt werden, sich mit den gesundheitsfördernden Aspekten ihrer Arbeit zu beschäftigen. Sie bekommen ein stärkeres Bewusstsein, wie die gesundheitsrelevanten Zusammenhänge bezogen auf ihre Gesundheit und Leistungsfähigkeit sind und wie sie selbstbestimmt Einfluss auf ihre aktuelle Situation nehmen können.

Darüber hinaus sind diese Angebote ein erster Schritt, Erschöpfung und psychische Erkrankungen zu enttabuisieren und im Unternehmen einen offeneren Umgang mit gesundheitsrelevanten Themen zu ermöglichen.

Prävention durch den Aufbau von Gesundheitskompetenz Ihrer Führungskräfte

Gesundheit ist etwas höchst Individuelles. Es gibt keine Blaupause für alle Mitarbeiter. Jeder Mensch geht mit Stress, Krisen und Konflikten anders um. Es ist daher umso wichtiger, dass Führungskräfte eine Gesundheitskompetenz aufbauen. Das Erkennen von möglichen Signalen von Burn-out, Depressionen oder Angsterkrankungen und deren kompetenter Umgang ist dabei ein wesentlicher Bestandteil. Führungskräfte kann so die Scheu und Angst genommen werden, proaktiv das Gespräch mit gefährdeten oder betroffenen Mitarbeiter zu suchen. Denn Führungskräfte müssen die Probleme der Mitarbeiter nicht immer für sie lösen, sondern insbesondere interne und externe Unterstützung anbieten.

Darüber hinaus ist es wichtig, dass Führungskräfte mit guten Vorbild vorangehen und sich selbst mit dem Thema beschäftigen. Denn nur wenn Führungskräfte für sich selbst gesunde Arbeits- und Lebensstrategien entwickeln und täglich leben, können sich auch ihre Mitarbeiter und Teams gesund führen und ihnen als Vorbild dienen.

Gesundheitsförderliche Unternehmens- und Führungskultur leben

Aktuelle Studien zeigen, dass sich eine Vielzahl von Mitarbeitern nicht mit ihrem Unternehmen emotional verbunden fühlt. Sie machen mehr oder weniger Dienst nach Vorschrift und empfinden ihr Arbeitsumfeld in einem hohen Maß als toxisch und gesundheitsschädigend.

Unternehmen sollten sich daher die Fragen stellen, wie es bei ihnen ist. Bewegen sich ihre Führungskräfte und Mitarbeiter in einem gesundheitsförderlichen Umfeld? Werden sie im beruflichen Alltag als Mensch ganzheitlich wahrgenommen und wertgeschätzt?

Es ist wichtig, dass Unternehmen ihre Zusammenarbeits- und Führungskultur „neu“ denken und gesundheitsrelevante Faktoren miteinbeziehen. Das bedeutet, mehr menschliches Miteinander statt ein ständiges gegeneinander arbeiten. Mehr Vertrauen und Kooperation statt täglicher Konkurrenzkampf. Hierzu sollten insbesondere die Führungskräfte ihr eigenes Mindset und Verhalten reflektieren und Führung für sich selbst ganz individuell „neu“ definieren. Nur so schaffen Sie ein besseres Arbeitsumfeld und die Rahmenbedingungen, damit ihre Führungskräfte und Mitarbeiter nachhaltig motiviert und leistungsfähig sein können und eine höhere Lebensqualität empfinden können.

Fazit

Eine gesundheitsförderliche Unternehmens- und Führungskultur entscheidet darüber, wie motiviert und leistungsfähig Führungskräfte und Mitarbeiter in Unternehmen sind. 

Mit Maßnahmen zur Stärkung der mentalen Gesundheit kann es Unternehmen gelingen, nicht nur ihre Fluktuation- und Ausfallkosten zu reduzieren, sondern auch die Motivation und Leistungsbereitschaft ihrer Führungskräfte und Mitarbeiter nachhaltig zu verbessern. Diese werden wieder fokussierter an der Erreichung ihrer Ziele arbeiten und damit auch die Innovationskraft der Unternehmen erhöhen.  

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