Fair führen, auch wenn die Chemie nicht stimmt 

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Es gibt Situationen im Führungsalltag, über die kaum jemand spricht. 
Nicht, weil sie selten sind. Sondern weil sie unangenehm sind. 

Es geht nicht um offene Konflikte, nicht um eskalierende Gespräche oder „schwierige Mitarbeitende“. 
Es geht um etwas viel Subtileres – und gerade deshalb so Herausforderndes: die Zusammenarbeit mit Menschen, mit denen es einfach nicht rund läuft. 

Vielleicht kennst du dieses Gefühl. 
Da ist niemand, der laut wird. Niemand, der offen blockiert. 
Und trotzdem merkst du bei jedem Meeting: Es ist zäh. Anstrengend. Irgendwie schwerer als mit allen anderen im Team. 

Ich erinnere mich gut an eine Situation aus meiner eigenen Führungserfahrung. 
In meinem Team gab es eine Person, mit der lief die Zusammenarbeit nicht schlecht – aber auch nicht gut. Kein Streit, keine Eskalation. Aber dieses diffuse Gefühl, dass ich sie nicht richtig erreiche. Dass wir aneinander vorbeireden. Dass das, was ich meine, anders ankommt, als ich es beabsichtige. 

Und genau das ist oft das Schwierigste: 
Wenn es nichts Konkretes gibt, woran man es festmachen kann – aber man spürt, dass etwas nicht stimmt. 

Wenn Führung nicht leichtfällt – obwohl niemand etwas falsch macht

In fast jedem Team gibt es diese Konstellationen. 
Mit manchen Menschen funktioniert Zusammenarbeit fast mühelos. Ihr versteht euch, manchmal sogar ohne viele Worte. Vertrauen entsteht schnell, Gespräche sind offen, Missverständnisse klären sich nebenbei. 

Und dann gibt es Menschen, bei denen genau das fehlt. 
Nicht, weil sie ihre Arbeit schlecht machen. 
Nicht, weil sie unkollegial sind. 
Sondern weil die Chemie einfach nicht stimmt. 

Das darf man aussprechen. 
Denn Führungskräfte sind Menschen – keine Maschinen. 

Und trotzdem entsteht häufig innerer Druck. Gedanken wie: 
„Ich muss doch mit allen gut klarkommen.“ 
„In meinem Team darf es keine Spannungen geben.“ 
„Ein gutes Team ist harmonisch.“ 

Diese Annahmen sind weit verbreitet – und sie setzen uns unnötig unter Stress. 

Einige dieser inneren Annahmen begegnen mir immer wieder – ich habe sie im Artikel 3 Denkfehler, die Führungskräfte schwächen – und wie du sie vermeidest zusammengefasst.

Ein gutes Team ist keine große Familie

Einer der hartnäckigsten Mythen in der Führung ist die Vorstellung vom Team als harmonischer Einheit, in der alle ähnlich denken, ähnlich fühlen und ähnlich arbeiten. 

Aber ein gutes Team ist keine Familie. 
Es muss sich nicht immer gut anfühlen. 
Es darf Reibung geben, Unterschiede, andere Sichtweisen. 

Mehr noch: Genau das braucht es. 

Teams, die sehr homogen sind, treffen nicht automatisch bessere Entscheidungen. Im Gegenteil. Unterschiedliche Perspektiven helfen, blinde Flecken zu erkennen. Reibung kann Denkprozesse anstoßen, neue Ideen ermöglichen und Innovation fördern. 

Führung heißt also nicht, Harmonie um jeden Preis herzustellen. 
Führung heißt, Unterschiedlichkeit auszuhalten – und konstruktiv damit umzugehen. 

Allein diese Erkenntnis nimmt enorm viel Druck raus. 

Warum wir unbewusst unterschiedlich führen

Spannend – und manchmal auch unbequem – wird es, wenn wir ehrlich auf unser eigenes Führungsverhalten schauen. 

Denn die meisten Führungskräfte führen nicht alle Mitarbeitenden gleich. 
Nicht bewusst. Aber spürbar. 

Mit Menschen, mit denen es leicht ist, sind wir oft geduldiger. Wir hören genauer zu, geben mehr Vertrauen, lassen mehr Freiraum. Fehler verzeihen wir schneller, Missverständnisse klären wir großzügiger. 

Bei anderen passiert häufig das Gegenteil. Wir kontrollieren schneller, sind kürzer angebunden, investieren weniger Zeit. Nicht aus Unprofessionalität, sondern weil unser inneres Erleben ein anderes ist. 

Das Problem daran: 
Mitarbeitende spüren diesen Unterschied sehr genau. 

Und so entsteht eine Dynamik, die Zusammenarbeit weiter erschwert – obwohl niemand das eigentlich will. 

Wie sehr solche feinen Unterschiede die Offenheit im Team beeinflussen, habe ich im Artikel Psychologische Sicherheit in der Führung: Warum Schweigen gefährlich ist vertieft.

 

Selbstführung beginnt genau hier

Wenn dich jemand im Team mehr Energie kostet als andere, ist das kein Zeichen von Schwäche. 
Es ist ein wichtiges Signal. 

Die entscheidende Frage lautet nicht: 

„Was stimmt mit dieser Person nicht?“ 

Sondern:
 

„Was genau macht diese Zusammenarbeit für mich schwierig?“
 

Oft liegt die Antwort nicht ausschließlich im Gegenüber. 
Vielleicht triggert dich etwas, das dir selbst schwerfällt. 
Vielleicht erinnert dich die Person an frühere Erfahrungen. 
Vielleicht lebt sie eine Art von Struktur, Direktheit oder Zurückhaltung, die deiner eigenen Haltung widerspricht. 

Hier wirkt häufig ein psychologischer Effekt, der sogenannte Negativity Bias. Sobald wir ein ungutes Gefühl gegenüber jemandem haben, nehmen wir vor allem das wahr, was dieses Gefühl bestätigt. Das Positive rückt in den Hintergrund. 

Gute Selbstführung bedeutet, genau hier innezuhalten – und die eigene Wahrnehmung bewusst zu hinterfragen. 

Warum genau diese innere Klärung die Grundlage wirksamer Führung ist, habe ich im Beitrag Führung ist kein Add-on: Warum Selbstführung der Anfang von echter Wirksamkeit ist näher beschrieben.

Verhalten beobachten statt Menschen bewerten

Ein hilfreicher erster Schritt ist, Person und Verhalten klar zu trennen. 

Statt innerlich zu denken: 
„Mit dieser Person ist die Zusammenarbeit einfach schwierig“, 
hilft es, genauer hinzuschauen: 

Was genau erlebe ich? 
In welchen Situationen wird es zäh? 
Was irritiert mich konkret? 

Vielleicht spricht die Person sehr dominant in Meetings. 
Oder sie ist extrem zurückhaltend. 
Vielleicht braucht sie viel Struktur, während du eher spontan arbeitest. 

Diese Differenzierung schafft Abstand – und damit Handlungsspielraum. 
Denn Verhalten kann man ansprechen. Menschen pauschal zu bewerten, führt selten weiter. 

Den Blick bewusst auf Stärken lenken

Gerade bei Menschen, mit denen die Chemie nicht stimmt, verlieren wir schnell den Blick für ihre Stärken. 

Deshalb lohnt sich eine bewusste Gegenbewegung. 
Frag dich ganz konkret: 

Was schätze ich an dieser Person? 
Was bringt sie ins Team ein, was andere nicht einbringen? 
In welchen Situationen war ihr Beitrag entscheidend? 

Je konkreter du wirst, desto wirksamer wird dieser Perspektivwechsel. 
Nicht, um Probleme zu verdrängen – sondern um fair zu bleiben. 

Widerstand als Spiegel verstehen

Menschen, die uns herausfordern, zeigen uns oft etwas über uns selbst. 
Über unsere Werte, unsere Erwartungen, unsere Grenzen. 

Manchmal liegt hinter dem Widerstand Unsicherheit. 
Manchmal Bewunderung. 
Manchmal schlicht Unterschiedlichkeit. 

Wenn du bereit bist, ehrlich hinzuschauen – nur für dich –, entsteht Entwicklung. Nicht beim anderen, sondern bei dir. 

Das gemeinsame Ziel als verbindendes Element

So unterschiedlich ihr auch seid: 
Es gibt einen Grund, warum diese Person Teil deines Teams ist. 

Ein gemeinsames Ziel. 
Ein gemeinsamer Auftrag. 
Ein gemeinsames Interesse an der Sache. 

Wenn du den Fokus darauf lenkst, entsteht Verbindung – auch ohne persönliche Nähe. Nicht über Sympathie, sondern über Sinn. 

Führung heißt nicht Harmonie – sondern Respekt

Du musst nicht mit allen in den Urlaub fahren wollen. 
Ihr müsst keine besten Freunde sein. 
Ihr müsst keine große Familie darstellen. 

Aber ihr müsst euch respektieren. 
Und professionell zusammenarbeiten. 

Gute Führung zeigt sich genau dort, wo es nicht leicht ist. 
Wo Unterschiedlichkeit bleibt – und trotzdem Klarheit entsteht. 

Fazit: Gelassen führen beginnt bei dir

Wenn Zusammenarbeit schwerfällt, ist Rückzug keine Lösung. 
Bewusste Selbstführung schon. 

Fair führen heißt nicht, alle gleich zu fühlen. 
Sondern alle mit derselben Haltung zu führen: klar, respektvoll, professionell. 

Wenn du tiefer einsteigen möchtest und die Gedanken im gesprochenen Format hören willst, hör gern in die Folge 116 rein. Du findest sie überall, wo es Podcasts gibt. 

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